Die Erforschung der Migräne hat in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. So gilt es heute als erwiesen, dass eine erbliche Veranlagung für die gestörte Reizverarbeitung im Gehirn verantwortlich ist. Diese führt zu einer erhöhten Empfindlichkeit des Gehirns auf alle normalen Reize, es ist übermäßig aktiver und leistungsfähiger als das von Gesunden, wodurch es konstant viel Energie verbraucht. Wird Energie nicht in ausreichendem Maß zugeführt, wird das Gehirn in kurzer Zeit von Nervenbotenstoffen überschwemmt – es kommt zur Entzündungsreaktion mit den bekannten Folgen.1 

Ein zentraler Botenstoff im Entzündungsprozess ist das Calcitonin Gene-related Peptid (CGRP). Neueren Untersuchungen zufolge ist dieses zu Beginn der Migränesymptomatik nebst anderen Botenstoffen im Blut erhöht, am Ende der Attacke geht es wieder auf das normale Niveau zurück. Wissenschaftler vermuten, dass es für die Weiterleitung von Schmerzsignalen während einer Migräneattacke verantwortlich ist.2,3

Ingwer, Traubentrester und Pestwurz

Vor dem Hintergrund, dass es eine Reihe von Nahrungsmitteln gibt, denen entzündungshemmende und schmerzstillende Eigenschaften zugesprochen werden, untersuchten WissenschaftlerInnen jetzt die Auswirkung von Lebensmitteln beziehungsweise bestimmten Inhaltsstoffen sowie Nahrungsergänzungsmitteln auf die CGRP-Ausschüttung. Dabei zeigte sich, dass Ingwer – bekannt für seine entzündungshemmenden Eigenschaften – und S-Petasin – ein Bestandteil des Nahrungsergänzungsmittels Pestwurz – die Freisetzung von CGRP hemmen. Traubentrester von zwei verschiedenen Rebsorten wurde aufgrund der allgemeinen Annahme, dass Rotwein eine Migräne auslösen kann, ebenfalls hinsichtlich seiner Wirkung auf die CGRP-Spiegel untersucht. Interessanterweise führten die Tresterextrakte zu einer deutlich stärkeren Hemmung der CGRP-Ausschüttung als Ingwer und S-Petasin.4

Trester- und Ingwerextrakte sowie S-Petasin scheinen demnach eine entzündungshemmende Wirkung zu haben, indem sie die Freisetzung von CGRP bei Migräne verhindern. Die dahinterliegenden Mechanismen müssen weitere Studien untersuchen.

Omega-3-Fettsäuren und Ginkgo

Als positive Ernährungsfaktoren haben sich Omega-3-Fettsäuren und Ginkgo erwiesen. Einigen Studien zufolge, hemmen Omega-3-Fettsäuren unter anderem Entzündungsreaktionen im Körper, die vermutlich auch bei Migräne eine Rolle spielen.5 Dabei haben sie allerdings keine Auswirkung auf die Häufigkeit und den Schweregrad, aber auf die Dauer der Migräneattacken.6 In Kombination mit Nano-Kurkuma (indisches Gewürz aus der Familie der Ingwergewächse) führten Omega-3-Fettsäuren zudem zu einer Reduktion der Attackenfrequenz. Die Wissenschaft erhofft sich davon einen vielversprechenden Ansatz für die Migränetherapie.5

Omega-3-Fettsäuren sind vor allem in Kaltwasserfischen sowie in Lein-, Walnuss-, Raps- und Sojaöl enthalten.

Der Ginkgo-Baum (Ginkgo biloba) zählt zu einer der ältesten Pflanzenarten der Welt7, seine Blätter finden in der chinesischen Heilkunst bereits 2700 Jahre vor unserer Zeitrechnung Verwendung. Heute werden Ginkgo-Extrakte unter anderem bei Demenzerkrankungen, altersbedingten Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie arteriellen Durchblutungsstörungen eingesetzt. Nun zeigte sich der Extrakt Ginkgolid B auch in der Migränetherapie bei Schulkindern als wirksam, wie Studien belegen: In Kombination mit Coenzym Q10, Riboflavin (Vitamin B2) und Magnesium sank die Migränefrequenz.8 Aber auch unter Ginkgolid B allein nahmen Frequenz, Dauer und Stärke der Migräneattacken ab.9 Da in keiner der Untersuchungen Nebenwirkungen beobachtet wurden, halten die WissenschaftlerInnen Ginkgo-Präparate für eine vielversprechende Behandlungsoption vor allem bei Kindern.

Vitamine D und B2 (Riboflavin)

Vitamine sind an vielen unterschiedlichen chemischen Vorgängen im Körper beteiligt. Fehlen diese, kann es zu Mangelerscheinungen verschiedenster Art kommen. Vitamin B2 (auch Riboflavin genannt) zum Beispiel ist im Körper vor allem für den Stoffwechsel von Bedeutung: Es ist an der Umwandlung von Nahrung in Energie beteiligt. Vitamin D wiederum spielt unter anderem bei der Stärkung des Immunsystems und der Regulierung des Kalziumspiegels im Blut eine bedeutende Rolle.

WissenschaftlerInnen fanden nun heraus, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel neben anderen körperlichen Störungen möglicherweise auch zu Migräne führen kann. Ein erhöhter Vitamin-D-Spiegel jedenfalls verringerte die Entzündungen im Körper. Die Supplementierung von Vitamin D konnte die Episodenfrequenz, Dauer der Attacken sowie den Schweregrad reduzieren.10,11 Weitere Studien an größeren Studiengruppen zum Thema Vitamin D und Migräne stehen allerdings noch aus.

Vitamin B2 hingegen wird bereits als sichere und wirksame Therapie zur Vorbeugung von Migräne empfohlen. Tatsächlich deuten auch zahlreiche Studien auf eine relevante Verminderung der Migränehäufigkeit unter der Behandlung mit Riboflavin hin. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017, die Daten von 11 Studien auswertete, bestätigte, dass die Einnahme von Riboflavin bei manchen Erwachsenen zu einer leichten Reduktion der Migränefrequenz führte und die Therapie allgemein verträglich und kostengünstig sei. Die Ergebnisse zur Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen seien nicht eindeutig. Insgesamt, so ihre Schlussfolgerung, sind weitere Studien zur Dosierung, zur Verstoffwechselung und zum Einfluss genetischer Faktoren auf die Wirksamkeit von Riboflavin notwendig.12


Kristina Neuhuber, BSc.

Text basiert auf Neuhuber, K. (2018). Migräne und der Einfluss von Ernährung. (Bachelorarbeit), FH JOANNEUM in Bad Gleichenberg. Unter Betreuung von Daniela Grach, MSc. Umgeschrieben für die Publikation in migraene-service.at durch Novartis Pharma.

Quellen

  1. Migräne-Ursachen: Der Stand der Wissenschaft: https://www.migraene-wissen.de/migraene/ursachen/, letzter Zugriff am 14.09.2018
  2. Lassen et al. CGRP may play a causative role in migraine. Cephalalgia. 2002 Feb; 22(1): 54–61: www.ncbi.nlm.nih.gov, letzter Zugriff am 24.04.2018
  3. Bigal ME et al. Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) and Migraine Current Understanding and State of Development. Headache. 2013; 53(8): 1230–1244
  4. Slavin, M., Bourguignon, J., Jackson, K., Orciga, M. (2016). Impact of Food Components on in vitro Calcitonin Gene-Related Peptide Secretion – A Potential Mechanism for Dietary Influence on Migraine. Nutrients. 8(7): S. 406. doi: 10.3390/nu8070406
  5. Abdolahi, M., Tafakhori, A., Togha, M., Okhovat, AA., Siassi, F., Eshraghian, MR., Sedighiyan, M., Djalali, M., Mohammadzadeh-Honarvar, N., Djalali, M. (2017). The synergistic effects of Ὠ-3 fatty acids and nano-curcumin supplementation on tumor necrosis factor (TNF)-α gene expression and serum level in migraine patients. Immunogenetics. Issue 6, 371-378 doi: 10.1007/s00251-017-0992-8
  6. Maghsoumi-Norouzabad, l., Mansoori, A., Abed, R., Shishehbor, F. (2017). Effects of omega-3 fatty acids on the frequency, severity, and duration of migraine attacks: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutritional Neuroscience – An International Journal on Nutrition, Diet and Nervous System. 1-10. doi: org/10.1080/1028415X.2017.1344371
  7. Singh, B., Kaur, P., Gopichand, Singh, R., Ahuja, P. (2008). Biology and chemistry of Ginkgo biloba. Fitoterapia. 79(6): 401-18. doi: 10.1016/j.fitote.2008.05.007
  8. Esposito, M., Carotenuto, M. (2011). Ginkogolide B complex efficacy for brief prophylaxis of migraine in school-aged children: an open label study. Neurological Sciences. 32(1), S.79–81. Download vom 31. Dezember 2017, von https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10072-010-0411-5
  9. Esposito, M., Ruberto, M., Pascotto, A., Carotenuto, M. (2012). Nutraceutical preparations in childhood migraine prophylaxis: effects on headache outcomes including disability and behaviour. Neurological Sciences. 33(6), S. 1365–1368. Download vom 06. Jänner 2018, von https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10072-012-1019-8
  10. Wadhwania, R. (2017). Is Vitamin D Defiency Implicated in Autonomic Dysfunktion? Journal of Pedriatic Neurosciences. 12(2): 119–123. doi: 10.4103/jpn.JPN_1_17
  11. Mottaghi, T., Askari, G., Khorvash, F., Maracy, MR. (2015). Effect of Vitamin D supplementation on symptoms and C-reactive protein in migraine patients. Journal of Research in Medical Sciences. 20(5): 477–482. Download vom 03. Jänner 2018, von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4590203
  12. Thompson, DF., Saluja, HS. (2017). Prophylaxis of migraine headaches with riboflavin: A systematic review. Journal of Clinical Pharmacy and Therapeutics. 42(4) S. 394-403. doi: 10.1111/jcpt.12548